Gottesdienst im Bierzeltdach: Wo Tradition auf Oktoberfest-Trubel trifft
Stjepan HeinrichGottesdienst im Bierzeltdach: Wo Tradition auf Oktoberfest-Trubel trifft
Jedes Jahr in der ersten Woche des Münchner Oktoberfests findet im Marstall-Zelt ein ungewöhnliches Ereignis statt: ein Wiesn-Gottesdienst. Diese Versammlung bietet einen seltenen Anblick – eine religiöse Zeremonie nicht in einer stillen Dorfkirche, sondern mitten im lebhaften Trubel von Bierbänken und Blasmusik. Die Szene wirkt zugleich vertraut und fremd, eine Mischung aus Tradition und dem festlichen Treiben des größten Volksfests der Welt.
Der Gottesdienst beginnt mit einem Halleluja, das von der Bühne herabschwebt, wo sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Blaskapelle spielt. Statt polternder Polkas erfüllen nun Kirchenlieder das Zelt. Die Menge, die sonst mit Maßkrügen und Brezeln beschäftigt ist, steht auf und singt: Lobet den Herrn!
Nur sechs Männer sitzen an den Tischen und teilen sich Wein aus einem einzigen goldenen Kelch. Einer von ihnen tritt vor und spricht ins Mikrofon: Und führe uns nicht in Versuchung… Der Kontrast könnte größer nicht sein – ein feierlicher Moment in einem Raum, der für ausgelassenes Feiern gemacht ist.
Dieser Wiesn-Gottesdienst ist nur ein Beispiel für eine alte deutsche Tradition. Im ganzen Land veranstalten über 10.000 Gemeinden jährlich ähnliche Feste mit Bierzelten, Fahrgeschäften und Blasmusik. Doch hier, im Herzen des Oktoberfests, zeigt der Gottesdienst auch etwas Besonderes: ein Dorf ohne festen Platz, einen Pfarrer ohne Kirche und Gläubige, die dort zusammenkommen, wo es möglich ist – selbst wenn es unter einem gestreiften Festzeltdach ist.
Die Zeremonie wird zur Inszenierung innerhalb einer Inszenierung. Für eine Stunde verwandelt sich das Zelt vom Zentrum des Feierns zu einem Ort der Besinnung, bevor Musik und Gelächter zurückkehren. Der Wiesn-Gottesdienst endet, wie er begonnen hat – mit erhobenen Stimmen, die im Gesang vereint sind, bevor sie im Getöse des Festes verhallen. Der goldene Kelch wird ein letztes Mal gereicht, die sechs Männer kehren an ihre Plätze zurück. Draußen geht das Oktoberfest weiter, doch für einen kurzen Moment bot das Marstall-Zelt etwas Stilleres – eine Erinnerung daran, wie sich Tradition anpasst, wenn die gewohnten Räume nicht mehr existieren.






