07 May 2026, 14:06

Philipp Grafs Buch enthüllt das verdrängte jüdische Erbe der DDR

Metallplatte an einem Gebäude mit der eingravierten Inschrift "Adolf Abraham Oppenheimer."

Philipp Grafs Buch enthüllt das verdrängte jüdische Erbe der DDR

Philipp Grafs neues Buch untersucht das belastete Erbe der jüdischen Gemeinde Halberstadts in der DDR

In „Verweigerte Erinnerung“ zeigt Philipp Graf, wie der ostdeutsche Staat Antisemitismus trotz seines antifaschistischen Anspruchs nicht ausreichend aufarbeitete. Die Studie wirft auch einen Blick auf die düstere Geschichte der Stadt – von den Novemberpogromen 1938 bis zu den Deportationen von 1942.

Grafs Forschung hat die Debatte über autoritäre Haltungen neu entfacht – sowohl im rechtsextremen als auch in linken Milieus. Seine Erkenntnisse widerlegen das Selbstbild der DDR als Bastion gegen den Faschismus und decken Lücken in der offiziellen Geschichtsschreibung auf.

Die jüdische Geschichte Halberstadts war bereits lange vor der DDR von Gewalt geprägt. Im November 1938 wurde die Synagoge der Stadt während der NS-Pogrome zerstört. Bis 1942 wurden die letzten jüdischen Bewohner:innen in der Rathaustraße 1–3 zusammengetrieben, bevor sie deportiert wurden. Willy Calm, der letzte Überlebende, blieb bis 1961 der einzige Vertreter der jüdischen Gemeinde Halberstadts.

Nach dem Krieg entstand 1949 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte. Zwanzig Jahre später wurde sie im Sinne der DDR-Ideologie umgestaltet und diente fortan der „proletarischen Internationalismus- und sozialistischen Vaterlands-Erziehung“. Gleichzeitig nutzte die Nationalen Volksarmee (NVA) in den 1970er-Jahren die unterirdischen Stollen des Lagers als militärisches Depot.

Die DDR-Kulturszene setzte sich zwar mit jüdischen Themen auseinander – allerdings oft selektiv. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati ließ sich 1952 in Ost-Berlin nieder und nahm dort drei Schallplatten auf. Romane wie „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker oder „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ von Peter Edel erschienen mit staatlicher Billigung. Doch Grafs Buch belegt, dass diese Ansätze mit systemischen Versäumnissen einhergingen: Weder wurde Antisemitismus konsequent bekämpft, noch die jüdische Geschichte angemessen gewürdigt.

„Verweigerte Erinnerung“ zeichnet nach, wie die antifaschistische Führung der DDR jüdische Erfahrungen häufig ignorierte. Statt sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, propagierte der Staat eine bereinigte Geschichtsversion – die Graf nun direkt infrage stellt.

Sein Buch ist gleichermaßen historische Bestandsaufnahme wie Appell zur Verantwortung. Es enthüllt, wie die antifaschistische Rhetorik der DDR oft ungelöste Vorurteile überdeckte. Die von ihm angestoßene Debatte könnte Institutionen dazu bringen, ihre eigene Rolle bei der Bewahrung – oder Verfälschung – des Gedenkens an jüdisches Leben in Deutschland neu zu bewerten.

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Für Halberstadt sind die Erkenntnisse eine Mahnung an das Verlorene und das nie richtig Anerkannte. Die Geschichte der Stadt – von den Angriffen 1938 bis zum Schweigen der Nachkriegszeit – steht nun erneut zur Diskussion.

Quelle