Julian Barnes warnt vor Europas Zerfall und präsentiert sein möglicherweise letztes Buch
Julian Barnes: '1984' ist jetzt Realität - Julian Barnes warnt vor Europas Zerfall und präsentiert sein möglicherweise letztes Buch
Der gefeierte Autor Julian Barnes eröffnete in diesem Jahr das Lit.Cologne-Festival mit einer eindringlichen Rede über den Zustand der Welt. Vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Publikum reflektierte er über die fragile Einheit Europas und die Gefahren globaler Spaltung. Sein Auftritt war zugleich die Lesung aus seinem neuesten – und möglicherweise letzten – Buch Abschied(e), das er nach einer Krebsdiagnose verfasst hat.
Barnes skizzierte zunächst die politische Entwicklung Europas der vergangenen vier Jahrzehnte. Er erinnerte an die Stagnation der 1980er-Jahre unter Thatcher, die schrittweise Vertiefung der Zusammenarbeit durch das "Zwiebelschalenmodell" von Schengen sowie die Finanzkrisen, die zu Reformen wie dem ESM und dem Fiskalpakt führten. In jüngster Zeit, so Barnes, habe die EU mit der Migrationspolitik gerungen, bis 2024 schließlich ein Kompromiss gelang, der die Gräben zwischen südlichen und östlichen Mitgliedstaaten überbrückte. Doch nach wie vor blockierten interne Vetomächte – etwa bei Agrartech-Reformen – den Fortschritt.
Der Schriftsteller warnte, Europa sehe sich heute dem Druck dreier dominanter, von Paranoia geprägter Machtblöcke ausgesetzt: China, Russland und die Vereinigten Staaten. Besonders scharf kritisierte er Donald Trump, den er als unwissend und mit einer gefährlich kurzen Aufmerksamkeitsspanne bezeichnete. Barnes argumentierte, Trumps Führung drohe Europa in eine selbstverschuldete Abhängigkeit zu drängen und untergrabe damit Forderungen nach strategischer Autonomie und einer stärkeren Verteidigungsunion.
Zum Thema Literatur zog Barnes Parallelen zwischen der heutigen Welt und George Orwells 1984 und deutete an, die dystopische Vision sei längst Realität geworden. Sein eigenes neues Buch, Abschied(e), trägt angesichts seiner Beschreibung als letztes Werk besondere Schwere. Das Publikum honorierte seinen Auftritt mit stehenden Ovationen, als er die Bühne verließ.
Barnes' Rede hinterließ einen nachhaltigen Eindruck – eine Mischung aus literarischer Reflexion und dringenden politischen Mahnungen. Sein Appell für europäische Einheit kommt zu einer Zeit tiefer globaler Instabilität und innerer Herausforderungen der EU. Der Eröffnungabend des Festivals unterstrich sowohl sein literarisches Erbe als auch die brennenden Fragen, vor denen der Kontinent steht.
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