Kratzers provokante Opern-Premiere in Hamburg spaltet das Publikum zwischen Buhrufen und Jubel
Stjepan HeinrichKratzers provokante Opern-Premiere in Hamburg spaltet das Publikum zwischen Buhrufen und Jubel
Tobias Kratzers mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri feiert Premiere an der Hamburger Staatsoper
Die mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri unter der Regie von Tobias Kratzer hat an der Hamburger Staatsoper für Furore gesorgt. Das Oratorium, basierend auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh, erhält durch Kratzers Interpretation eine moderne Brisanz – es thematisiert Krieg, Seuchen und die Klimakrise. Das Publikum reagierte gespalten, aber leidenschaftlich: Buhrufe und begeisterter Applaus begleiteten eine umstrittene, doch gefeierte Premiere.
Von Beginn an brach die Inszenierung mit Konventionen. Kratzer führte Szenen direkt ins Publikum hinein und durchbrach damit die vierte Wand. Kameras und grelles Saallicht zogen die Zuschauer mitten ins Geschehen, verwischten die Grenze zwischen Bühne und Realität. Ein besonders berührender Moment: Die Sängerin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, setzte sich zu einer weinenden Zuschauerin – eine stille Geste der Empathie, die nachwirkte.
Im dritten Akt nahm das Oratorium eine drastische Wendung: Kinder spielten unter einer Kuppel, schwer belastet von Smog. Dieses Bild verband das Werk aus den 1840er-Jahren mit der heutigen Klimakrise – ein Thema, das Kratzer bewusst in den Vordergrund stellte. Auch die Versäumnisse älterer Generationen und deren Folgen für die Zukunft zogen sich als roter Faden durch die Handlung, verwoben mit Schumanns ursprünglichen Motiven von Krieg und Leid.
Die Reaktionen fielen gespalten, aber intensiv aus. Eine Zuschauerin stand mitten in der Vorstellung auf und rief empört "Buh!", doch am Ende überlagerte der tosend Applaus die Kritik. Das Publikum honorierte Kratzers Arbeit mit jubelnder Zustimmung. Die Produktion vereinte den gesamten Chor unter der Leitung von Chordirektor Alessandro Meregaglia, während Dirigent Omer Meir Wellber die musikalische Umsetzung prägte.
Kratzer, seit Kurzem Intendant der Staatsoper, hat seine Ziele klar formuliert: Er will das Haus enger mit der Stadt Hamburg verknüpfen. Diese Inszenierung, geprägt von roher Energie und zeitgenössischer Schärfe, markiert den Auftakt dieser Neuausrichtung.
Die Premiere ließ keinen Zweifel an Kratzers Vision. Seine Regie rückte Das Paradies und die Peri entschlossen in die Gegenwart und zwang das Publikum, sich mit modernen Krisen auseinanderzusetzen – begleitet von Schumanns Musik. Die Mischung aus Buhrufen und Begeisterung spiegelte die provokative Kraft der Produktion wider – eine Kraft, die die Zukunft der Oper unter seiner Leitung prägen könnte.






